Friday, January 13, 2006

Geschichte Essay Klappe die Zweite:

BOAS & NACHFOLGER

- von „Kulturrelativismus“ zu „cognitive science“

Nach einem kurzen Abriss über das Leben und Schaffen Franz Boas werde ich zunächst die wichtigsten Persönlichkeiten der zwei nachfolgenden Generationen vorstellen. Anschließend widme ich mich der Entwicklung des „harten“ Kulturrelativismus, welchen Boas vertrat und ende mit einem Kommentar zum heute weitgehend akzeptierten „weichen“ Kulturrelativismus.


Franz Boas (1858 – 1942)

Der in Deutschland (Westfalen) geborene Franz Boas studierte zuerst Physik und Geographie und promovierte 1881 über die Farbe des Wassers. (vgl. Skript 2003: S. 5)

1883 begann seine erste Feldforschung als Geograph in Baffin Island bei der er die Wichtigkeit von Kultur als eine bestimmende Kraft der Wahrnehmung erkannte, weshalb er sich die komplexe Sprache der Eingeborenen aneignete und begann deren Kultur zu studieren. (vgl. Barnard 2000: S. 100 – 101)

Zurück in Deutschland (1884) studierte er bei Adolf Bastian, im zur damaligen Zeit größten Museum für Völkerkunde in Berlin. Er wanderte aber bald nach Amerika aus, wo er 1886 an der Nordwestküste unter anderem die Kwakiutl erforschte.

Anschließend lehrte er an der Columbia University (1895– 1936) und erwarb im selben Jahr eine institutionelle Basis im American Museum of Natural History (AMNH) in New York. (vgl. Silverman 2005: S. 260)

Er verstärkte die Four – Field Approach in der amerikanischen Anthropologie, welche neben Kultur – und Sozialanthropologie auch Physische Anthropologie, Archäologie und Linguistik mit einbezieht. (vgl. Eriksen 2001: S. 14)

Boas lehnte die evolutionistischen Theorien ab und legten Wert auf Wissen aus erster Hand welche EthnologInnen auf Feldforschungen erwerben. Sein wohl bekanntestes Werk „The mind of primitive man (1938)“ schrieb er um den beginnenden Rassismus in Amerika und der Welt entgegenzuwirken. Seiner Meinung nach ist die „weiße Rasse“ nicht intellektuell überlegen, sondern nur fortgeschrittener im Gegensatz zu anderen Rassen. (vgl. Barnard 2000: S. 101)

„Different peoples are primitive or advanced in different respects” (Barnard 2000: S. 101)

Als erklärendes Beispiel zu diesem Zitat: Während Australische Aborigines eine geringe materielle Kultur aufweisen, so haben sie doch eine äußerst komplexe soziale Struktur. Außerdem unterliegt jedes Volk auch fremden Einflüssen, weswegen es in Boas Augen ziemlich sinnlos wäre, eine Kultur uniform als „primitiv“ oder „zivilisiert“ einzustufen.

Seiner Meinung nach ist Kultur wie Sprache unabhängig von der Rasse und biologischer Veranlagung.

Boas hatte einen großen Einfluss, der einerseits mit seiner Monopolstellung bezüglich der Ausbildung von Studenten, andererseits seinen zahlreichen Artikeln, von denen die wichtigsten in zwei Kollektionen zusammengefasst wurden, zu erklären ist.

Am 21. Dezember 1942 starb er bei einem Mittagessen in dem Armen des französischen Strukturalisten Claude Lévi- Strauss, wobei seine letzen Worte waren „I have a new theory of race…“. (Barnard 2000: S. 102)

Auch wenn er seine Ideen nie in einem Traktat abgehandelt hat, so haben einige seiner Studenten, unter anderen Alfred Kroeber, Robert Lowie, Ruth Benedict, und Margaret Mead, seine Theorien über Kulturen weiterentwickelt. (vgl. Eriksen 2001: S. 14)

1. Generation

Die Grundlagen des Kulturrelativismus arbeiten Boas-SchülerInnen in verschiedenen Richtungen aus. Die erste Generation zu der Kroeber und Lowie zählen befasste sich mit ausgewählten kulturellen Bereichen, wie mit Prozessen des kulturellen Wandels und der Diffusion, mit Verwandtschaft, Mythos und Religion. (vgl. Gingrich 1999: S. 179)

Alfred Kroeber (1876 – 1960)

Er ist in New York bei einer deutschsprachigen Familie aufgewachsen und versuchte aus einer kritischen Sicht die Ansätze Boas zu verfestigen und gilt somit als Gralshüter Boas’ Erbe. Sein bekanntester Artikel ist "The Superorganic. American Anthropologist“ (1917). Kroeber sieht Kultur als etwas, das jenseits des Organischen ist. Das Überorganische der Kultur, das ausschließlich Ideelle, konzentriert sich demzufolge in so genannten "key symbols" - mit welchen sich Kultur festmachen lasse. (vgl. Skript 2003: S. 30 – 31)

Weitere Verdienste von ihm sind, dass er sich schon früh um eine Dokumentation der aussterbenden Völker Australiens bemühte und dass er die verschiedenen Kulturen der nordamerikanischen Indianer in so genannte Kulturareale einteilte. Davon handelt auch sein zweites Werk „Handbook of the Indians of California“ (1925). Kroeber setzte sich sehr früh auch mit der Psychoanalyse und mit Sigmund Freuds Arbeiten auseinander und begann zunehmend das starre Kulturkonzept zu hinterfragen. Er erkannte am Lebensende, dass sich seine Rolle als Bewahrer der Boas-Theorie abschwächte und wandte sich nun immer mehr auch außeramerikanischen Entwicklungen in der Anthropologie zu. Sein Werk „Culture: A critical review“ (1952) verfasste er mit seinem Schüler Clyde Kluckhohn. Es wird berichtet, dass er auf dem Weg nach Paris, in den Armen von Claude Lévi –Strauss gestorben ist. (vgl. Skript 2003: S. 31)

Robert Lowie (1883 – 1957)

Als geborener Wiener, welcher später mit seinen Eltern nach Amerika auswanderte, hatte er einen starken Schwerpunkt auf Geschichte. Sein Werk „The German People“ (1945) ist wie das Werk von Ruth Benedict „The Crysanthmum and the Sword“ eine der zahlreichen Arbeiten über Kriegsgegner, welche zu jener Zeit gefördert wurden.

2. Generation

Die zweite Generation begann etwa ab den 20er Jahren, wobei sich innerhalb des Kulutrrelativismus allmählich spezialisierte, methodische Ansätze herausbildeten. Bis in die Nachkriegszeit hatte die US-amerikanische Kultur- und Sozialanthropologie einen großen Einfluss im internationalen anthropologischen Diskurs und zählte weltweit zu den vorherrschenden, anthropologischen Forschungsansätzen. Dieser Tradition entstammen die anthropologischen Bestsellerautorinnen Ruth Benedict und Margaret Mead. Der dominante Einfluss der US- amerikanischen Kulturanthropologie im internationalen Diskurs ist mitunter auf die Werke von Mead und Benedict zurückzuführen. (vgl. Gingrich: 1999: S 179 - 180)

Ruth Benedict (1887 -1948)

Sie gilt als Begründerin der kulturvergleichenden Anthropologie in Amerika und bekannt sind vor allem Studien bei den Zuni, Serrano, Cochiti, Pimaund Hopis Indianer im Südwesten von den USA. In ihrem Buch „Patterns of Culture“ (1955) erzählt sie das fast jede von ihr untersuchte Gesellschaft einen Persönlichkeitstypus präferiert. Es handelt sich entweder um den dionysischen Charakter (emotional, leidenschaftlich, exzessiv) wie beispielsweise bei den Kwakiutl oder den apallonischen Charakter (gemäßigt, harmonisch, beherrscht) wie bei den Zuni. Diese Charakterisierungen von Gesellschaften werden heute kritisiert da sie starke Popularität erfuhren und es dadurch vielfach zu Stereotypisierungen kommt. (vgl. Barnard 2000: S. 103)

Während des 2. Weltkriegs entwickelte sich eine Art Schule die „culture & personality“ genannt wird, die vom Verteidigungsministerium gefördert wurde. Darauf werde ich aber später noch genauer eingehen. „The Chrysantemum and the Sword“ (1946) entstand während des 2. Weltkrieges und ist eine Charakterisierung der Japanischen Gesellschaft, die zu der Zeit aber der Feind der USA im heißen Krieg waren.

Gemeinsam mit ihrer Assistentin Margaret Mead macht sie den Standpunkt der Frauen in der Anthropologie klar. Sie führen auch den Begriff der Identität in die Anthropologie ein. Ihrer Meinung nach hat die Identität immer mehrere Seiten und manche davon sind nicht individuell sondern kulturell geprägt. (vgl. Skript 2003: S. 31)

Margaret Mead ( 1901 – 1978)

Margaret Mead gilt als eine der entschiedensten Vertreterinnen des Kulturrelativismus im 20. Jahrhundert. Sie vertrat die Auffassung, dass Sozialverhalten formbar und kulturbestimmt sei. Besonders in den 1960er Jahren waren ihre Arbeiten sehr populär. Nach und nach hat man allerdings begonnen, ihre wissenschaftliche Seriosität stark anzuzweifeln. Sie war verheiratet mit Gregory Bateson 1925 machte sie ihre erste Feldforschung auf Samoa, wo sie junge Mädchen an der Stufe zum Erwachsenwerden studierte. Mit einigem Erstaunen hielt sie fest, dass die bis dahin als starr geltenden sozialen Rollenkulturell vorgegeben waren und nicht - wie bisher allgemein angenommen - für alle Menschen allgemein gültig waren. 1978 wurde Mead stark von Derek Freeman, der der Sprache der Samoa mächtig war, kritisiert. Ein hauptsächlicher Kritikpunkt war, das Mead die Eindämmung der Gewalt durch die koloniale Verwaltung und die systematischen Vergewaltigungen ignoriert habe. Zu der auf Freemans Studie folgenden vernichtenden Kritik an Mead, die bis zur (nicht belegbaren) Unterstellung der Fälschung ging, ist auch zu bemerken, dass sie für die Kritik an weiblichen Wissenschaftlern typische Formen annahm; zum Beispiel wurde Mead unterstellt, ihre Beziehungssituation habe ihren Blick getrübt. (vgl. Silverman 2005: S. 269)

Weltberühmt wurde Mead durch ihre Forschungsreisen von 1931 nach Neuguinea wo sie die Stämme der Arapesh, Tchambuli und Mundugumor erforschte und aus ihrem Material folgerte, dass die uns bekannten Geschlechterrollenkulturell bedingt seien und nicht genetisch vorgegeben. Sie war die erste Person, die diese Tatsache empirisch zu belegen schien und gab damit den gesamten Sozialwissenschaften neue Impulse.

Insgesamt erforschte Mead sieben Kulturen im Südpazifik. Sie war Professorin des AMNH in New York und Präsidentin der American Anthropological Association(AAA), welche Boas mit begründete, und auch Präsidentin der American Association for the Advancement of Science. Sie erhielt 28 Ehrendoktorate von Universitäten weltweit und schrieb mehr als 40 Bücher und über 1000 wissenschaftliche Artikel.

Zu Boas bemerkenswertesten Kollegen zählt wohl auch der Linguist Edward Sapir welcher gemeinsam mit seinem Studenten Benjamin Lee Whorf die „Sapir – Whorf Hypotese“ formulierte. (vgl. Eriksen S. 14)

Edward Sapir (1884 – 1939)

Edward Sapir war mit Benedict und Mead befreundet, was auch zu gegenseitiger Beeinflussung von ihren Veröffentlichungen führte. Er zählt aber gemeinsam mit Kroeber zu den wichtigsten Rebellen der Zwischenkriegszeit und ist ein Vertreter der Linguistischen Anthropologie, die sich nach Franz Boas herausbildete. Berühmt wurde er durch sein Werk „Sprache, Denken, Wirklichkeit“ (1963) und er erarbeitete mit seinem Dissertanten Benjamin Whorf die „linguistische Relativitätstheorie“ auch bekannt als „Sapir – Whorf – Hypothese“, welche besagt, dass wir Menschen die Wirklichkeit nie als solche wahrnehmen, sondern nur durch vorgegebene Konzepte wie Sprache. Je nachdem welche Sprache wir erlernt haben, nehmen wir die Wirklichkeit wahr und können diese umgekehrt je nach erlernter Sprache wiedergeben. Seiner Meinung nach ist also die Konstruktion von Wirklichkeit abhängig von sprachlichen Strukturen und das Denken ist somit sprachabhängig. Ein stark ideologischer Ansatz der zu recht auch kritisiert wird.

Im Kontrast zu dieser Theorie steht beispielsweise die Lerntheorie welche besagt, das Kleinkinder schon lange bevor sie Haus formulieren können schon wissen was ein Haus ist, also der Mensch eine ganz elementare vor – und außersprachliche Komponente hat. Weiters gibt es auch Kulturen(z.B.: christliche Minderheiten im Nahen Osten) welche 2-3 sprachig sind und nicht akzeptieren, dass ihre Mitglieder nur eine Sprache sprechen. (vgl. Skript 2003: S. 32)

Zudem gibt es Völker mit sehr ähnlicher Kultur, die aber eine ganz andere Sprache sprechen, wie die Basken und deren Französisch und Spanisch sprechenden Nachbarn. Im Gegensatz dazu gibt es aber auch Völker mit sehr ähnlicher Sprache, deren Kulturen sich aber weitgehend unterscheiden wie die der Navajo und Apache. (vgl. Barnard 2000: S. 110)

Andererseits beschäftigte sich Whorf mit den Hopis, in deren Sprache keine Nomen existieren woraus Whorf schlussfolgerte dass die Hopis die Welt grundlegend anders erfahren würden. Whorf meint dazu „that every people will develop the linguistic tools it needs to solve tasks perceived as necessary, and that the language of a people will therefore be a significant source of knowledge about their mode of thought, their cosmology and their everyday life.“ (Eriksen 2001: S. 227 – 228)

Aber wenn die Hopis durch ihre eigene Sprache auch vollkommen andere Gedankengebilde produzieren, wie wird es dann für einen Nicht-Hopis je möglich sein deren Kultur zu verstehen und die Art des Denkens zu vergleichen? (vgl. Barnard 2000: S. 111)

Ein weiteres Pro-Argument ist, das Problem der Cross-Cultura Translation. So lässt sich beispielsweise das deutsche Wort „Angst“ oder „Bildung“ nicht wortwörtlich übersetzen. Im arabischen oder bei den Kiwai in Melanesien erhält man durch verwenden unterschiedlicher Prä- und Suffixe fast unendlich viele Bedeutungen eines Verbes im selben semantischen Feld. (vgl. Barnard 2000: S. 109) Mit einer schwachen linguistischen Relativitätstheorie kann man feststellen dass manche Sprachen eher das Generelle und andere eher die Aufteilung, Unterteilung und detaillierte Bedeutung betont. (vgl. Skript 2003: S. 32)

Eine schwache Form dieses Kulturrelativismus, wird von vielen Anthropologen akzeptiert. Ein „harter“ Kulturrelativismus wie er bei Whorf und Sapir oder auch der „Culture and personality school“ vorkommt, welcher neben Sapir auch noch Benedict und Mead angehörten, steht heute stark unter Kritik.

Culture and personality

In den 1920 bis 1950 Jahren bildete diese Schule über mehrer Phasen und Subdisziplinen die vorherrschenden Theoriegebilde eines „harten“ Kulturrelativismus.

In Zentrum des Arbeitens stand dabei die Einwirkung der Kultur auf die Entwicklung der Persönlichkeit. Es wird dabei nicht nur auf die Gegensätzlichkeiten von indigenen und international- westlichen Normen des Persönlichkeiten aufmerksam gemacht, sondern es werden auch vernachlässigte Themen wir weibliche Lebenswelten, Geschlechterbeziehungen, Sexualität und Kindheitsprägungen in die anthropologische Forschung integriert. (vgl. Gingrich 1999: S. 180)

Die „culture and personality school“ vertrat die Ansicht „ Kultur sei ein integrales, kohärentes, relativ unveränderliches Ganzes, das nur von den Angehörigen dieser Kultur, aber kaum von Außenstehenden verstanden werden könne.“ (Gingrich 1999: S.180) Dies wird später von den politisch Rechten für ihre Argumentation aufgegriffen, dass wenn Kulturen für Außenstehende sowieso kaum verständlich und unveränderlich seien, es von vorne herein sinnlos wäre sich mit diesen auseinanderzusetzen. (vgl. Barnard 2000: S. 181)

In Verruf geriet die „culture and personality school“ aber erst als viele ihrer Vertreter sich im Auftrag der US – Regierung zur Erstellung von „Nationalcharakter“ – Studien über den Kriegsgegner bereit erklärten.

„Cognitive sciences“ (vorher Ethnoscience)

Die Ethnoscience zu deren Vertreter auch Gregory Bateson (der zweite Mann von Margaret Mead zählt) orientieren sich im Grunde nach der Sapir – Whorfschen Hypothese.

Einwände von Bateson an der starken Orientierung an der Sprache waren, dass das Denken und die Konstruktion von der Wirklichkeit nicht allein Resultat linguistischer Determination, sondern erst in viel breitern Formen der wissenschaftlichen Kooperationen erkundet werden können.

Cognitive sciences verfolgt heute Ansätze aus Linguistik, Neurowissenschaft, Philosophie und Psychologie.

Die Cognitive sciences vertreten einen heute mehrheitlich akzeptieren „weichen“ Kulturrelativismus der im Gegensatz zum „harten“ Kulturrelativismus relative Unterschiede zwischen Kulturen nicht verabsolutiert sondern auch Gemeinsamkeiten zwischen den Kulturen sucht.

Somit bildet der „weiche“ Kulturrelativismus einen vertretbaren Mittelweg zwischen „harten“ Kulturrelativismus“ und „harten“ Universalismus.



Quellen:

Barnard, Alan: History and Theory of Anthropology. Cambridge: Camebridge University Press. 2000

Eriksen, Thomas Hylland: Small places, Large issues. London: Pluto Press. Second edition 2001

Gingrich, Andre: Erkundungen. Themen der ethnologischen Forschung. Wien: Böhlauh. 1999

Silverman, Sydel: One discipline four ways: British, German, French and American Anthropology. Chicago: The University of Chicago Press. 2005

Skript: VO Einführung in die Geschichte der KSA bei Prof. Gingrich 2003. http://www.catmando.tk/ [11/01/06]


Friday, November 25, 2005

Geschichte Essay

Funktionalismus – Strukturfunktionalismus

Mit Bronislaw Malinowski und A. R. Radcliff- Brown begann eine neue Epoche in der Kultur uns Sozialanthropologie. Der erste Schritt mit dem sie sich grundlegend von ihren Vorbildern wie James Frazer oder Emile Durkheim unterscheiden, ist die Tatsache, das Malinowski und Radcliffe-Brown ihre Forschung nicht wie die >armchhair< style=""> auf Informationen aus Büchern und von Seefahrern aufbauten, sondern selbst in dem zu erforschenden Gebieten lebten.

Die heute am häufigsten angewendete Forschungsmethode von AnthropologInnen, die Methode der >teilnehmenden Beobachtung<, ist auf Malinowski zurückzuführen.

1884 in Krakau als Sohn eines bekannten Linguisten geboren und im altösterreichischen System aufgewachsen. Beeinflusst von Wilhelm Wundt auf der Leipzier Universität setzte er sich auch mit Psychoanalyse auseinander. Durch gemeinsame Sommerurlaube in Südtirol kannte er Sigmund Freud persönlich und widerlegt später die Annahme dass der Ödipuskomplex universal gültig sei. Er weist dabei auf matriliniare Gesellschaften, wie auf den Trobriand Inseln, hin wo Egos nächste Bezugsperson nicht der Vater sondern der Schwester-Bruder ist und zeigt damit das es sich beim Ödipuskomplex um einen eurozentrischen Komplex handelt.

1890 wurde >Golden Bough< style=""> James Frazer publiziert, welcher unter anderen britischen Anthropologen zu den meist diskutiertesten Forschen in der Anthropologie zählte und deswegen wechselte Malinowski 1910 an die London School of Economics (LSE).

Seine erste Feldforschung startete 1914 in Papua (später Papua New Guinea) und wurde auf den Trobriand Islands fortgesetzt. Dort verbrachte er auch die Zeit während des ersten Weltkrieges bis 1918. [1]

Als Sprachentalent welches unter anderem Polnisch, Russisch, Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch sprach, erlernte Malinowski während seines langen Aufenthalts auf den Trobriand Islands auch die Sprache der Eingeborenen. Sein Konzept der Feldforschung basierte auf der >teilnehmenden Beobachtung<. Dies heißt, dass der Forscher in 1.Linie zuhören und zuschauen soll und nur als zusätzliches Mittel Interviews verwendet. Er versuchte also eine Gesellschaft von innen heraus zu erforschen, indem er sein Zelt im Dorf aufschlug und mit der zu erforschenden Gesellschaft zusammenlebte um sie so besser zu verstehen und nachvollziehen zu können. Dabei erschien es ihm von Vorteil einen möglichst langen Zeitraum von mindestens einem Jahr, in der Kultur zu leben, damit sich der Forscher die Sprache und die der Kultur eigenen Denkmuster aneignen kann. Weiters soll er sich möglichst integrieren um somit immer weniger den Alltag der Kultur als >Fremder<>

Ein Nachteil von einer vollkommenen Integration kann allerdings, dass Phänomen >going native<>

Auch Malinowski wurde ein Ethnozentrismus bezüglich den Trobriandern vorgeworfen.

Er versuchte allerdings durch das führen von zwei verschiedenen Tagebüchern, einerseits dem Forschungstagebuch und andererseits seinem privaten Tagebuch, subjektive Einflüsse weitgehend aus seiner Forschung heraus zu halten. Seine privaten Aufzeichnungen wurden nach seinem Tod, gegen seinen Willen veröffentlicht und sorgten für Kritik da seine Aussagen teilweise auch als rassistisch interpretiert wurden.

Im Zuge seiner Feldforschung auf den Trobriand Inseln untersuchte er vor allem die dort übliche Tradition des >kula<.

Darüber berichtete er vor allem in seinem berühmtesten Werk >Argonauten des westlichen Pazifik< (1922).

Eine weitere Gemeinsamkeit von Malinowski und Radcliffe-Brown ist, dass sie ihre Wissenschaft nicht auf die historischen Hintergründe von sozialen Phänomenen gestützt haben, sondern dass sie sich auf die gegenwärtige Funktion von sozialen Phänomenen beziehen. Sie gelten also beide als die Begründer des >Funktionalismus. <

Da aber ihre Ansichten ziemlich konträr sind, wird Malinowski der Funktionalismus und Radcliffe-Brown der Struktur-Funktionalismus zugeschrieben, auf deren Unterschiede ich später noch genauer eingehen werde.

Radcliffe-Brown war nicht einverstanden mit einer Zuordnung seiner Person zu einem Ismus, da Ismen seiner Meinung nach nur in politischen Philosophien (Kommunismus, Liberalismus) auftreten. [2] Er bevorzugte es seine Disziplin >comparative sociology<>

Radcliffe-Brown, 1881 in England geboren, absolvierte seinen Bachelor in Psychologie und Ökonomie in Cambridge. Aufgrund seiner anarchistischen politischen Ansichten, war er auch unter dem Namen „Anarchy Brown“ bekannt. Seine Feldforschungen machte er auf den Andamanen und in Westaustralien. Den 1. Weltkrieg verbrachte er als Erziehungsleiter im Königreich Tonga.

„In his work on the Andaman Islanders, Radcliffe-Brown (1922) explained rituals in terms of their social functions – their value fort he society as a whole, rather than their value for any particular individual member of society.“ [3]

Beeinflusst wurde Radcliffe-Brown vor allem von seinem Lehrer Emile Durkheim und den Philosophen Thomes Hobbes und Jean Jacques Rousseau.

Letzterer interessierte ihn vor allem, wegen seiner These, dass Gesellschaften auch ohne eine Herrschaft funktionieren könnten, wenn die Menschen sich nur an bestimmte Regeln halten. (>Gesellschaftsvertrag<)

Unter anthropologischen Funktionalismus verstehen ihre Vertreter, Malinowski und Radcliffe-Brown, den Versuch soziale Phänomene auf ihre soziale Funktion in/für die Gesellschaft zu untersuchen. [4]

Im Gegensatz zum Kulutrrelativismus liegt nun die Betonung nicht mehr auf den Unterschied menschlicher Gesellschaften, sondern auf soziale Verhältnisse und Beziehungen.

Dabei werden primär soziale und politische Aspekte als ökologisch-wirtschaftliche oder kosmologisch-rituelle verglichen.

Während sich Radcliffe-Brown auf das Beziehungsgeflecht zwischen Funktionen und lokalen Systemen konzentriert, geht es bei Malinowskis Funktionen vor allem um menschliche Grundbedürfnisse. [5]

Malinowski, der bessere Empiriker von den beiden, setzte also den Focus seiner funktionellen Theorie auf die individuellen biologischen Belange.

Im Struktur-Funktionalismus des eher theoretisch veranlagten Radcliffe-Brown hingegen, ist der Focus auf die Struktur des sozialen Ganzen gerichtet. Also nicht wie sich die Funktion auf einzelne Individuen bewirkt, sondern auf die Funktion und wie sie sich auf die Struktur der Gesellschaft auswirkt

Von seiner politisch anarchistischen Einstellung ausgehend, interessierte er sich vor allem für Gesellschaften, die ohne eine übergeordnete Institution auskommen, wie zum Beispiel Jäger und Sammlerkulturen oder nomadische Gesellschaften.

Er prägte auch den, schon von seinem Lehrer Durkheim angedeuteten Begriff, der >Segmentären Gesellschaft<.

Hierbei werden die Gesellschaften mit ihren verschiedenen Gruppierungen, mit einer Torte die in viele Stücke zerteilt ist, verglichen. Diese Gruppierungen existieren zueinander egalitär, also alle sind gleichwertig und es gibt keine zentrale Instanz. Innerhalb der Gruppierungen kann es aber sehr wohl Hierarchien geben. Z..B.: Ältere zu Jüngere oder Männer zu Frauen.

Eine weitere bildliche Darstellung von Gesellschaft ist die >Blattmetapher<, wobei die Form des Blattes als Struktur der Gesellschaft und Zellen als Bausteine der Gesellschaft gesehen werden. Die Photosynthese steht also für die funktionale Wechselwirkung von Versorgung und Nachschub. Kritikpunkte an dieser Metapher ist die Frage wie sich der zeitliche Rhythmus von Wachstum, Zerfall und Wiederentstehung auf die Gesellschaft interpretiert werden soll und wie innere gesellschaftliche Hierarchien wie unter Jungen & Alten Armen & Reichen oder Männer & Frauen erklärt werden sollen?

Seit Morgan war Radcliffe-Brown auch der erste der sich wieder mit Kin Ship auseinandersetzte. Er interessierte sich dabei für die verschiedenen

Verwandtschaftsterminologien und die damit verknüpften sozialen Fakten und Verwandtschaft als Gliederungselement von staatenlosen Gesellschaften. [6]

Generell hatte Radcilffe-Brown durch seine charismatische Personalität einen größeren Einfluss als Lehrer, denn als Autor. [7] Zu seinen Nachfolgern zählen unter anderem E.E. Evans-Pritchard, Isaac Schapera, Meyer Fortes und Jack Goody.

Beide, Malinowski und Radcliffe-Brown forderten eine große Loyalität bei ihren Schülern, da die alten Interessen von Evolutionismus und Diffusionismus als nicht mehr adäquat für die Forschung der Anthropologie gesehen wurde. Bei Malinowski ging es sogar soweit, das er seine Schüler wie Sir Raymond Firth während deren Feldforschungen, in den Sommermonaten besuchte. [8]

Abschließend kann man sagen, dass die beiden die Kultur- und Sozialanthropologie durch ihre neuen Methoden bei Malinowski und ihre Theorien bei Radcliffe-Brown grundlegend verändert haben und somit die Begründer der Kultur- und Sozialanthroplogie, wie wir sie heute kennen, sind.


[1] vgl. Barnard, A.: History and Theory in Anthropology. Cambridge: Cambridge University

Press. 2000 S.66

[2] vgl. Barnard, A.: History and Theory in Anthropology. Cambridge: Cambridge University

Press. 2000 S.77f

[3] Barnard, A.: History and Theory in Anthropology. Cambridge: Cambridge University

Press. 2000 S. 71

[4] Wikipedia: Funktionalsimus. http://de.wikipedia.org/wiki/Funktionalismus_%28Gesellschaft%29.

17.11.2005 22.11.2005 22:12

[5] vgl. Gingrich, A.: Erkundungen. Wien/ Köln/ Weimar: böhlauWien. 1999

[6] vgl. Barnard, A.: History and Theory in Anthropology. Cambridge: Cambridge University

Press. 2000 S.74

[7] vgl. Barnard, A.: History and Theory in Anthropology. Cambridge: Cambridge University

Press. 2000 S.77

[8] vgl. Barnard, A.: History and Theory in Anthropology. Cambridge: Cambridge University

Press. 2000 S.76


Weiter Quellen aus denen ich mein Wissen beziehe:

[A] Barth, Frederic; Gingrich, Andre; Parkin, Robert; Silverman, Sydel: One Discipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropology. The Halle Lectures. Chicago: University of Chicago Press. 2005.

[B] Students in an Introduction to Anthropology Class: Bronislaw Malinowski. Class,

Minnesota State University, Mankato, Minnesota 1998. http://www.mnsu.edu/emuseum/information/biography/klmno/malinowski_bronislaw.html (25.11.2005 12:24)

[B] Behrendt, Siri/ Kirrstetter, Jana Tanja: Bronislaw Malinowski (1884-1942). August 2002.

http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/bronislaw_malinowski.html

(25.11.2005 12:27)

[E] Anthrobase: Radcliffe-Brown, Alfred Reginald (1881–1955). http://www.anthrobase.com/Dic/eng/pers/radcliffe-brown_alfred_r.htm (25.11.2005 12:36)

[F] Wikipedia: Alfred Radcliffe-Brown. http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Radcliffe-Brown (25.11.2005 12:37)

[G] Wikipedia: Strukturfunktionalismus. http://de.wikipedia.org/wiki/Strukturfunktionalismus (25.11.2005 12:39)

[H] Gingrich, A.: VO Einführung zur Geschichte der KSA

Thursday, November 03, 2005

:)

Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen.

(Guy de Maupassant)